Sausenheimer Honigsack, Wasserloser Luhmännchen und Ellmendinger Keulebuckel – wer Ahnenforschung betreibt in Sachen Lagennamen deutscher Weinberge, trifft auf einen Fundus historischer Anekdoten und kurioser Geschichten. Es gibt kaum ein Weinbauland, das über einen vergleichbaren Schatz weinhistorisch interessanter Begebenheiten verfügt, wie die deutschen Anbaugebiete. Wenn das Forster Ungeheuer und der Escherndorfer Lump ihre Geschichten erzählen, kommen indes nicht nur spannende Details einer vergangenen Zeit ans Tageslicht. Diese Namen und Mythen sprechen für die kulturelle Bedeutung, die dem Weinbau in der „Alten Welt“ seit Jahrhunderten zukommt.

Zugleich geben sie Zeugnis davon, dass die Lagenwahl mehr ist, als die Suche nach einem geeigneten Platz, denn sie entscheidet über den Ertrag und die zu erwartende Qualität eines Weins. Das regionale Klima, das durch den Temperaturverlauf und die Sonnenstunden bestimmt wird, gibt Hinweise darauf, welche Rebsorten angebaut werden sollten und welcher Weinstil entstehen kann. Wichtige Faktoren sind die Verfügbarkeit von Wasser und die Zusammensetzung des Bodens. Tiefgründige und fruchtbare Böden ermöglichen ein kräftiges Wachstum und hohe Erträge. Meist sind es jedoch jene Böden mit geringerer Fruchtbarkeit, die außergewöhnliche Qualitäten hervorbringen.

Mit diesen Fragen setzten sich bereits unsere Urahnen auseinander, wenngleich man damals nicht auf wissenschaftliche Methoden von Bodenanalyse und Klimaforschung zurückgreifen konnte. Dass viele Weinberge bis heute in den gleichen Lagen angesiedelt sind und dort oftmals die traditionellen, autochthonen Rebsorten der Urgroßväter angebaut werden, belegt das gute Gespür der Weinbaupioniere von einst.

Heilende Kräfte

Was wäre der Wein ohne Mythen, und wenn eine Lage besonders gute Tropfen hervorbringt, mochte man ihr außergewöhnliche Kräfte zusprechen. Der legendäre Bernkasteler Doctor an den Steilhängen der Mosel soll dem Trierer Kurfürsten Bohemund zur Heilung von Fieber verholfen haben, nachdem keine der bitter schmeckenden Arzneien Rettung gebracht hatte. Der Überbringer des Weines forderte keinen Lohn, bat stattdessen um die Verleihung der Doktorwürde an den Weinberg, weil er ja mehr könne, als die gelehrten Herren der Medizin. Die 1677 erstmals erwähnte Moselaner Steillage, die schon damals das Thema Wein und Gesundheit aufwarf, zählte bereits um die vorletzte Jahrhundertwende zu den teuersten Weinbergslagen in Deutschland. Ganz von ungefähr kam diese Wertschätzung nicht, denn die südwestliche Ausrichtung mit langer Sonnenscheindauer ergänzt sich hervorragend mit den Wärme speichernden Schieferverwitterungsböden – eine ideale Voraussetzung für die Erzeugung großer Weine.

Ein vergleichbares Ansehen genießt die fränkische Weinlage Escherndorfer Lump, die dafür bekannt ist, eine ganze Aromenpalette von Fruchtnoten ins Glas zu zaubern und dabei die Ausgewogenheit zur Säure perfekt inszeniert. Dabei bleibt das Zutun des Winzers natürlich immer Bestandteil für die endgültige Qualität. Horst Sauer bewirtschaftet einen Teil des Escherndorfer Lumps und hat den Ruf der hiesigen Steillage weiter vorangebracht. Der Lump ist übrigens in diesem Fall kein verkommener Zecher, sondern ein kleines Stück Stoff, das für ein Fleckchen Erde steht. Mit seinen Bestandteilen aus Muschelkalk bildet es die Grundlage für die erlesenen Lump-Weine. Das Schreckgespenst namens Ungeheuer ist ebenfalls nicht auf die direkte Wortbedeutung zurückzuführen. Die berühmte Lage im pfälzischen Forst soll nach dem Stadtschreiber Johann Adam Ungeheuer, der hier im 17. Jahrhundert gewirkt hat, benannt sein. Auch hier ist das Renommee einzigartig und traditionsbehaftet.

Fürst Bismarck war von den Weinqualitäten so beeindruckt, dass ihm nicht nur die Weine, sondern auch das Wortspiel „dieses Ungeheuer schmeckt mir ungeheuer“ über die Lippen kamen. Im Ungeheuer stehen die Reben auf Ton- und Lehmböden, die mit Kalk und Kalksteingeröll durchsetzt sind und genießen eine durch das Haardtgebirge geschützte Lage. Hier wachsen fast ausschließlich Rieslinge. Reife und füllige Weine mit großer Eleganz überzeugen seit Jahrhunderten durch ihre Güte. Die herbstlichen Nebel begünstigen zudem eine Edelfäule, die für große edelsüße Weine bürgt.

Deutsche Weinanbaugebiete erzählen endlos viele Geschichten über tradi­tionelle Lagen, man muss sie nur ausgraben und erhält den Schlüssel zu großen Qualitäten. In jüngster Zeit verknüpfen viele Winzer die Namensgebung ihrer Weine mit schmeckbaren Bodentatsachen, „Quarzit“, „Porphyr“ der „Von dem Fels“ sind neuere Kreationen, die die Bedeutung der Weinlagen unterstreichen.

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