Der Silvaner ist infolge seiner großen Fruchtbarkeit und genügend frühen Reife eine unserer wertvollsten Rebsorten. (…) Der Wein ist milde, harmonisch, oft körperreich und ergibt sowohl feine, leichte Tischweine wie auch in guten Jahren Weine von großer Süße und feinem Bukett…“ Eine Empfehlung, die Georg Scheu in den 1930er Jahren in seinem Wein-Winzer-Buch über den „Anbauwert“ einer Rebsorte gab, und die nach wie vor durch ihre Aktualität besticht.

In Franken kann die Silvanerrebe jene Stärke, die deutsche Weine so unverwechselbar macht, beispielgebend widerspiegeln: den oft umworbenen und viel diskutierten Begriff Terroir. Die wichtigsten Komponenten, die zu diesen Charakter prägenden Einflüssen gehören, sind Klima, bemessen nach Temperatur und Niederschlag, Sonneneinstrahlung, Bodenrelief bzw. Topographie, bestehend aus Höhenlage, Hangneigung und Hangrichtung, Geologie und Bodenfeuchtigkeit (Jancis Robinson, Oxford Weinlexikon). Letztlich entscheidet das Zusammenspiel dieser Faktoren neben der Arbeit des Winzers und den jahrgangsbedingten Unterschieden auch über die Stilistik eines Weines.

Am Beispiel des fränkischen Silvaners lässt sich sehr deutlich zeigen, wie innerhalb einer einzigen Qualitätsstufe und Rebsorte aufgrund des unterschiedlichen Terroirs, explizit der geologischen Besonderheiten, verschiedene Weintypen auszumachen sind: In Franken finden wir – in west-östlicher Richtung – Böden aus Buntsandstein im so genannten Mainviereck zwischen Aschaffenburg und Wertheim, Muschelkalk in der Region um Würzburg und Keuperböden zwischen Iphofen und Bamberg an den Westhängen des Steigerwaldes.  Hermann Mengler beschreibt die differenzierten geschmacklichen Ausprägungen, die sich nicht zuletzt ergeben durch die unterschiedliche Fähigkeit der Böden, Wärme, Feuchtigkeit und Nährstoffe aufzunehmen:

„Während Buntsandsteinböden die Wärme rasch speichern, treibt die Rebe früher aus, die Weine reifen schneller und sind relativ bald trinkreif. Man sollte sie frisch genießen, das Alterungspotenzial wird nicht allzu hoch eingeschätzt. Auf Muschelkalk wachsen mineralische, aromatischere und nachhaltigere Weine mit reifen Fruchtnoten. Keuperböden hingegen vermögen die Komplexität der Silvanerweine noch zu steigern: Hier reifen ausladende, haltbare und kräftige Weine mit Noten von Feuerstein und Kräutern.“

Silvaner-Weine können aber mehr: Je nach Ertragsmenge und Produk­tionsphilosophie lassen sich stilistische Varianten und Qualitätsstufen herausarbeiten, die Mengler in drei Gruppen fasst: Basic, das sind die erfrischenden, lebhaften und unkomplizierten Qualitäts- und Kabinettweine; die Premium-Kategorie, mit Weinen der gehobenen Qualitätsstufen bis zur trockenen Auslese, die sich durch vollmundige, reife Fruchtnoten und Individualität auszeichnen und letztlich die Nobel-Gruppe mit außergewöhnlichen, manchmal exotischen Beeren- und Trockenbeerenauslesen und Eisweinen. Selbstredend, dass der vielseitige Silvaner prädestiniert ist, ein Menü zu begleiten.

Einen klassischen Stellenwert mit extremer Vielseitigkeit besitzt der Silvaner seit langer Zeit auch in Rheinhessen. In den letzten Jahren haben die Winzer dieser Region unter strengen Vorgaben und mit Hektarertragsbegrenzung ein ausgezeichnetes und vielschichtiges Profil für ihre Silvaner-Weine kreiert. Rheinhessenwein e.V. umschreibt Ideen und Philosophie für dieses Konzept: „Während der Typus des RS Rheinhessen Silvaner einen fruchtigen, frischen Begleiter zur gehobenen Küche liefern soll, werden zur Vinifikation der Selectionsweine nur hochreife, aber gesunde Trauben aus alten Weinbergen verwendet. So sind die Silvaner-Weine der Selection Rheinhessen komplexer und auch im Körper ausgeprägter, während der RS eher eine grün-vegetative Art zeigt.“

Neben der Standortprägung bietet gerade der Silvaner dem Kellermeister die Möglichkeit, ein nuancenreiches Spiel der Aromen zu erreichen: Spontanvergärung oder gezüchtete Hefen, kühle Gärtemperaturen mit langer Dauer oder wärmere, kurze Gärzeiten, Säure erhaltende Maßnahmen oder eine malolaktische zweite Gärung – der Silvaner reagiert jedes Mal mit einem neuen Wein- und Aromenstil. Das Spektrum reicht von grünen, pflanzlichen Noten, die an frisch gemähtes Gras erinnern bis zum Duft von grünem Spargel. Hier nimmt er den Wettbewerb mit dem großen internationalen Sauvignon blanc auf, besonders dann, wenn fruchtige Komponenten wie Grapefruit, Melone oder sogar Ananas die vegetative Aromatik bereichern.

Mit steigender Reife, insbesondere im Spätlese-Bereich intensivieren sich die Fruchtaromen von Bananen, Quitten und Maracuja bis hin zu einem dezenten Rosenduft. Verwechslung ausgeschlossen!

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