Weinbau in Deutschland: Innovation meets Tradition

23. Februar 2016

Die Auswahl der geeigneten Rebsorte für einen bestimmten Weinberg hängt bekanntlich von der Beschaffenheit des Bodens, der Lage der Rebfläche und von den kleinklimatischen Bedingungen ab. Dieses Zusammenspiel verschiedener Faktoren ist ein kompliziertes System, das dem Winzer Sachverstand und Fingerspitzengefühl abverlangt. Manches Mal kann auf der kurzen Distanz von einem Weinberg zum nächsten eine ganz andere Sorte in Frage kommen. Gleichzeitig ergeben Weine aus einer Rebsorte, die man in verschiedenen Lagen anbaut, völlig andere Geschmacksausprägungen.

In den deutschen Anbaugebieten, die seit der Schaffung der gemeinsamen europäischen Weinmarktverordnung mit Ausnahme von Baden zur Klimazone A gehören, gedeihen andere Sorten, als etwa in südlicher gelegenen Überseeländern. Für die klassischen Weinbaunationen der Alten Welt stehen das Wissen und der Erfahrungsschatz aus vielen Jahrhunderten zur Verfügung, wenn es gilt, geeignete Rebsorten für bestimmte Regionen auszuwählen. Die Zisterziensermönche im Kloster Eberbach wussten bereits, dass die Böden des Rheingaus hervorragende Ergebnisse mit der Sorte Riesling erbringen.

Unabhängig von der Weinqualität, die aus einer perfekten Lokalisierung resultiert, gibt es jedoch weitere Aspekte, die für die Rebsortenauswahl relevant sind. Dazu gehören im Wesentlichen zwei entscheidende Faktoren. Die Ertragsmenge, die bei den einzelnen Rebsorten unterschiedlich ausfallen kann und zu wirtschaftlichen Entscheidungen zwingt, ist eine Seite der Medaille. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor ist die Resistenz von Rebsorten gegen Krankheiten. Hier leisten führende Forschungsanstalten wie z. B. in Geisenheim, Weinsberg und der Geilweilerhof in Siebeldingen seit vielen Jahren wertvolle Arbeit.

Die Zielsetzung der Rebenneuzüchtung ist für den Weinbau von größter Bedeutung. Zu den wesentlichen Aufgaben zählt es zunächst, eine gute Ertragskraft mit hohen Mostgewichten zu erzielen. In einem zweiten Schritt gilt es, die hohe Weinqualität mit einer guten Schädlings- und Krankheitsresistenz zu verbinden. Diese Arbeit ist schwierig und langwierig. Bis eine neue Rebsorte entwickelt, erprobt und zugelassen ist, können 20 bis 40 Jahre vergehen.

Zu den deutschen Rebneuzüchtungen jüngeren Datums, die die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt Weinsberg aus der Cabernet Sauvignon-Rebe gekreuzt hat, gehören vier neue Sorten, die bereits erfolgversprechend angebaut werden. Cabernet Dorsa und Cabernet Dorio sind Kreuzungen aus Dornfelder und Cabernet Sauvignon, die als „Geschwister“ aber unterschiedliche Merkmale aufweisen. Cabernet Dorio gilt als feinfruchtiger, samtiger Rotwein mit deutlicher Cabernet-Charakteristik, während Dorsa mit kräftiger Farbe, Vollmundigkeit und deutlicher Gerbstoffnote überzeugt. Aus der gleichen Familie stammen Cabernet Mitos und Cabernet Cubin, die neben Cabernet Sauvignon den Lemberger als Elternteil haben. Dabei ist Cabernet Cubin eine spät reifende und ertragssichere Rotweinsorte, die gute Spätburgunderlagen bevorzugt. Sie bringt dichte und füllige Weine und ist für den Ausbau im Barrique-Fass geeignet. Mitos wird häufig als Cuvéepartner eingesetzt, denn seine Weine sind farbkräftig und gerbstoffreich. Wenn er selbstständig ausgebaut wird, zeigt er Komplexität und Fruchtigkeit.

Aus dem Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg stammt die seit dem Jahr 2005 zugelassene weiße Rebsorte Helios. Sie wurde 1973 aus den Sorten Merzling, Seyve-Villard und Müller-Thurgau gezüchtet und zeichnet sich durch ihre gute Pilzwiderstandsfähigkeit aus. Diese Weine sind fruchtig, stoffig, aber auch neutral mit angenehmem Bukett und lebendiger Säure.

Ebenfalls in Freiburg hat man die Johanniterrebe aus Riesling, Ruländer, Gutedel und Seyve-Villard gekreuzt und im Jahr 2001 zugelassen. Sie besitzt große Ähnlichkeit mit der Mutterrebe Riesling, reift jedoch etwas früher und hat eine gute Frostfestigkeit. Auch im Geschmack lässt sich die Verwandtschaft zu Riesling und Ruländer feststellen, die Weine sind kräftig und fruchtig, zeigen ein etwas höheres Mostgewicht und eine geringere Mostsäure als die Rieslingrebe.

Eine jener Sorten, die beinahe in Vergessenheit geraten sind, ist beispielsweise die Tauberschwarz-Rebe, deren Herkunft unbekannt ist, die aber im Taubertal bereits um 1560 angepflanzt wurde. Die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt Weinsberg bemühte sich um ihre Wiederbelebung, denn nicht zuletzt zeichnet sie sich durch eine geringe Anfälligkeit für Krankheiten und Winterfrost aus und ergibt fruchtige, körperreiche und harmonische Weine mit ziegelroter Farbe. Ihr besonderes Potenzial zeigt sie durch konsequente Ertragsbegrenzung, dann entstehen dunkle Weine mit feinen Rauchnoten und den Aromen von Wildkirschen.

Hierzulande wird sie nur selten angebaut, während sie sich andernorts großer Beliebtheit erfreut: Die Lagrein-Rebe stammt aus Südtirol und hat den Weg in die Rebgärten Argentiniens, Australiens, der Schweiz, der Slowakei, Frankreichs und den USA genommen. Inzwischen bereichert sie auch das Sortiment manches Winzers in Deutschland. Man keltert aus der roten, autoch­thonen Sorte samtige Rotweine mit unverwechselbarem Charakter, aber auch duftige Roséweine.

Riesling und Courtillier musqué standen Pate, als man die 1995 zugelassene Goldriesling-Rebe züchtete. Sie zählt zu den älteren Neuzüchtungen, die im 19. Jahrhundert im Elsass entstand und in Deutschland hauptsächlich in Sachsen vertreten ist. Die fruchtigen Weine präsentieren sich mit einer milden Säure und einem feinwürzigen Muskatbukett.

Die Verwandtschaft von Rebsorten geht verschlungene Wege. Oftmals reicht sie weit in die Vergangenheit oder in ferne Länder und es bleibt spannend, ihre Herkunft aufzuspüren. Auch jene Sorten, die aufgrund bestimmter Trends keine flächendeckende Verbreitung fanden, leisten einen Beitrag zur Vielfalt deutscher Weine.

Weltweit wurden in den letzten 100 Jahren über 1.000 neue Reben gezüchtet und das Portfolio bekannter Weinreben beläuft sich auf schätzungsweise 7.000 Sorten.

Die jüngere, deutsche Weinbaugeschichte der vergangenen 60 Jahre verfolgte unterschiedliche Strategien und Handlungsvorgaben für den Weinbau, die Wahl der Rebsorten und das Qualitätsdenken. Passé ist die mengenorientierte Weinproduktion der Nachkriegsjahre, die auch einherging mit dem Anbau ertragsstarker Rebsorten. Teilweise revidiert hat man zudem den verstärkten Einsatz von neu gezüchteten Reben in den 1960er und 70er Jahren.

Heute haben die Winzer zu einem Konsens gefunden, der das historische Wissen über die Auswahl von Rebsorten berücksichtigt. Zeitgleich ist man offen für die erfolgreiche Arbeit der Rebenneuzüchtungsinstitute und setzt auf Innovation sowohl im Hinblick auf die Sortenwahl, als auch auf moderne Kellertechnologie.

Ein Blick in die aktuelle Statistik zur Rebsortenverbreitung in Deutschland, die das Statistische Bundesamt und der Deutsche Weinbauverband e.V. erstellt, zeigt, dass sich deutsche Winzer einerseits zu den traditionsreichen, regionaltypischen Sorten bekennen, die hierzulande unvergleichbare Ergebnisse erzielen. Das sind allen voran der Riesling und Spätburgunder, die zu den erklärten deutschen Leitrebsorten gehören. Zugleich widmet man sich aber auch jener Bandbreite von Rebsorten, die mit Gewürztraminer, der weißen Burgunderfamilie oder Dornfelder jene Vielfalt entstehen lässt, die Weinliebhaber insbesondere für die Menübegleitung schätzen.

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