Nach einem schon fast beendeten Arbeitstag auf dem Weingut kommen die vier Prüfer gut gelaunt in den Prüfsaal in Alzey. Man kennt sich und fachsimpelt gleich drauf los. Das Pensum der zur Weinprüfung anstehenden 40 Weine schreckt die Fachleute nicht. In Hochzeiten testen sie auch schon einmal 70 oder 80. Der Rekord eines Prüfers, bei einer durch eine Weinzeitschrift organisierten Veranstaltung, liegt bei über 300. Dass schon 40 Weine für einen „vinophilen“ Verbraucher eine körperliche Belastung sind, bei der der Alkohol noch die geringste Rolle spielt, kann ich in den nächsten zwei Stunden selbst erfahren. Ich teste nämlich mutig mit.

Geprüft werden Weine, die das Deutsche Weinsiegel erhalten wollen oder auf dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt ausgeschenkt werden sollen. Dort benötigt man, quasi als Schanklizenz, mindestens 2,5 von 5 möglichen Punkten, die ein Wein von den DLG-Prüfern erhalten kann.

Für das Weinsiegel brauchen die Weine im Prüferdurchschnitt schon 2,5 Punkte. Das Weinsiegel, dessen Nachfolge das DLG-Güteband Wein angetreten hat, hat zwar für den Verbraucher immer weniger Bedeutung, aber für Winzer ist es als Vorprüfung für die Bundesweinprämierung ein guter Indikator, ob der eigene Wein prämierungswürdig ist.

Probiert wird bei der Weinprüfung in 5er-Reihen

Es geht los: Die Atmosphäre ist alles andere als gemütlich und erinnert nicht im geringsten an meinen letzten abendlichen Besuch der Weinstube um die Ecke. Wir sitzen an weißen, durch Sichtschutz voneinander abgeschirmten Boxen, jeder Prüfer versorgt mit genügend Wasser und zwei Brötchen zum Neutralisieren.

In einer 5er-Reihe werden nun die ersten Prüfkandidaten (natürlich verdeckt) eingeschenkt. Auf insgesamt zehn Kriterien zu den Hauptmerkmalen „Farbe“, „Geruch“, „Geschmack“ und „Gesamteindruck“ muss ich jeden Wein prüfen. Ich beschließe mich mit den Feinheiten, ob z. B. das Aroma der Testkandidaten genau der von der Sorte erwarteten Ausprägung entspricht, erst gar nicht mehr groß zu beschäftigen, als ich merke, dass die Fachleute mit der ersten Runde schon fertig sind, während ich noch über die Reintönigkeit des dritten Weines philosophiere. OK, das hier ist Arbeit!

Persönliche Vorlieben werden ausgeblendet

Nach der ersten Runde teilt jeder Prüfer abwechselnd als Erster seine Noten mit und der Prüfleiter rechnet dann per Computer den Mittelwert aus. Anfangs liege ich im Vergleich mit den Prüfern gar nicht so schlecht. Als dann jedoch süße Kerner und Gewüztraminer kommen, die ich persönlich nicht mag, werde ich ungerecht. Die Prüfer schreckt das alles nicht, denn es ist ihre Aufgabe, nicht nach persönlichen Vorlieben, sondern nach festgelegten Qualitätsmerkmalen zu urteilen. Auch hier liegen sie, wie bei fast allen Weinen, erstaunlich dicht beieinander. Nur zwei- oder dreimal ist man sich nicht einig. Solche Weine bekommen in einer Zweitprüfung natürlich erneut eine Chance.

Irgendwann kommt ein Wein dran, der irgendwie anders schmeckt. Ich bin unsicher und überlege noch, ob das wohl ein besonderer Barriqueton ist oder doch ein Weinfehler, da wird schon wieder der Mittelwert gebildet und alle Prüfer sind sich einig: Der hat wohl zu viel Schwefel. „Schau doch mal, wie hoch die freie SO2 ist“, wird der Prüfleiter gleich von mehreren Seiten gefragt. Er nennt den Wert und tatsächlich: Er ist ungewöhnlich hoch, weshalb der auffallende Ton zu erkennen ist.

Ich mache tapfer alle Prüfungen mit, aber als zum Schluss noch vier Rotweine kommen, habe ich, obwohl ich mich an die eiserne Regel gehalten habe, keinen Wein zu schlucken, eine pelzige Zunge und muss aufgeben.

Idealisten am Werke

Dann sind auch die Prüfer fertig und quittieren ihre Prüfung, für die sie 18 Euro plus Kilometergeld für die bis zu 100 km lange Anreise bekommen. Es handelt sich hier also offensichtlich um Idealisten. Am Ende der Prüfung ist ein Wein dabei, dem alle Prüfer eine Goldmedaille bei der Bundesweinprämierung vorhersagen. Nach meinen heutigen Erlebnissen bin ich sicher: Da werden sie wohl recht haben. Und ich plane insgeheim, zu Hause erst einmal ein Bier zu trinken.

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