Es ist noch nicht allzu lange her, als das Ansehen von Riesling-Weinen buchstäblich im Keller war. In der Neuauflage des Oxford Weinlexikons von Jancis Robinson aus dem Jahr 2003 heißt es noch: „Der Gewürztraminer (…) gilt als zweitrangige Sorte, vielleicht aufgrund von Assoziationen mit dem aus der Mode gekommenen Riesling“.

Es bleibt unverständlich, wie eine der vielseitigsten und edelsten Reben, die den Weltruf deutscher Weine um die vorletzte Jahrhundertwende begründet hatte und international zu Höchstpreisen gehandelt wurde, modischen Trends unterliegen konnte. Denn die glanzvollsten Zeiten des deutschen Weines sind unmittelbar mit der Rebsorte Riesling verknüpft. In der Zwischenzeit haben sich viele Erzeuger mit engagiertem Qualitätsmanagement, große Journalisten wie Michael Broadbent mit ungebrochener Überzeugung und zahlreiche deutsche Institutionen um das wohlverdiente Revival bemüht. Mit Erfolg. Heute genießen die Weine der wichtigsten und anspruchsvollsten deutschen Rebe wieder das Image, das ihnen einst sicher war.

Dabei hat sich die tatsächliche Anbaufläche in den letzten 35 Jahren nicht drastisch verändert. Das Deutsche Weininstitut beziffert die Gesamtfläche deutscher Riesling-Weinberge im Jahr 1975 mit knapp 21.000 Hektar, für das Jahr 2006 gilt das Gleiche. In den zurückliegenden Dekaden gab es nur relativ geringfügige Schwankungen. Das Comeback bezieht sich also nicht auf einen neuen Anbautrend, sondern auf den Imagewandel und die Qualitätssteigerung in jüngster Zeit.

Meist angebaute Rebe

Gemeinsam mit dem Spätburgunder ist Riesling die meistangebaute Rebe in Deutschland, zusammen genommen repräsentieren sie ein Drittel der gesamten Rebfläche. Durch ihre unterschiedlichen Ansprüche insbesondere im Hinblick auf das Klima findet man den Riesling vor allem in den nördlicheren Anbaugebieten, während der Spätburgunder im Süden dominiert.

Die besten Ergebnisse bringt die Rieslingrebe in kühleren Regionen, weil sie zu den spätreifenden Sorten zählt. Allen voran sind hier die Spitzenlagen der Mosel-, Mittelrhein- und Maintäler und des Rheingaus bedeutsam, deren Steilhänge fast ausschließlich mit Riesling bestockt sind. Mit den höheren Jahresdurchschnittstemperaturen der Pfalz oder Rheinhessens benötigt sie keine exponierten und Wärme speichernden Steillagen, um ausgezeichnete Qualitäten zu entwickeln.

Meister der Variation

Zu den besonderen Stärken der Rebe gehört es, dass sie jene unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von Boden und Klima für die Bandbreite ihrer Variabilität zu nutzen versteht. So reicht die Stilistik der Weine vom mineralisch-schlanken Typus bis zur kräftigen und fruchtbetonten Ausprägung. Mit Aromen von Grapefruit, Apfel, Zitrone oder Weinbergspfirsich und einem relativ hohen Säuregehalt wirken die Weine spritzig und frisch und profitieren von ihrer guten Lagerfähigkeit. Im Verlauf ihrer Reife treten die Fruchtaromen etwas in den Hintergrund und geben bisweilen der Mineralität und leichten Petroltönen, die von vielen Weinliebhabern geschätzt werden, den Vorzug. Legendäre Jahrhundertweinproben aus den besten Jahrgängen geben ein Spiegelbild von der Langlebigkeit und dem Facettenreichtum dieser Rebe. Der Verwandlungskünstler brilliert zudem wie kaum eine andere Sorte in allen Disziplinen der Qualitätsweinstufen. Feinste Rieslingweine stehen vom leichten Kabinett bis zur edelsüßen Trockenbeerenauslese im Angebot. Vielleicht ist nicht zuletzt dies einer der Gründe für das sensationelle Comeback, das deutsche Rieslingweine heute weltweit feiern.

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