Rund ein Drittel aller deutschen Weine werden in einer Genossenschaft erzeugt. Von den Stärken dieser Unternehmensform und dem Image aus Sicht des Weingenießers berichtet Stefan Kolb, Referent Weinwirtschaft beim Deutschen Raiffeisenverband e.V. Berlin.

„Welchen Anteil an der deutschen Weinproduktion haben die Winzergenossenschaften?
Wo werden diese Weine hauptsächlich vertrieben, im LEH, im Fachhandel oder direkt an die private Kundschaft?“

Stefan Kolb, Deutscher Raiffeisenverband e.V.: „Die Winzer- und Weingärtnergenossenschaften in Deutschland bewirtschaften etwa ein Drittel der deutschen Rebfläche (zirka 30.000 Hektar). Damit tragen sie die Vermarktungsverantwortung für rund ein Drittel der deutschen Weinerzeugung und sind trotz oder gerade wegen ihrer heterogenen Struktur erfolgreich auf allen Teilmärkten unterwegs: im Direktabsatz, in der Gastronomie, im Fachhandel, im Lebensmittelhandel und im Export. Die Mehrfamilienunternehmen haben damit nicht nur wesentlichen Einfluss auf die Weinmarktentwicklung in Deutschland, sondern tragen auch Verantwortung für das Marktgeschehen im Produktbereich Wein und die wirtschaftliche Situation von rund 50.000 Mitgliedern.“

„Das Konzept „Winzergenossenschaft“ ist seit über 100 Jahren erfolgreich. Worin sehen Sie die Gründe dafür?“

Stefan Kolb: „Erfolg ist nicht abhängig von der Unternehmensform. Es gibt mehr oder weniger erfolgreiche Genossenschaften genauso wie es mehr oder weniger erfolgreiche Weingüter oder Kellereien gibt. Allerdings hat die Rechtsform der Genossenschaft einen großen Vorteil. Die Mitglieder und Traubenproduzenten sind nicht nur Lieferant für das Weinunternehmen „Genossenschaft“, sondern zeitlich Miteigentümer. Mit dem Grundprinzip eine Stimme pro Mitglied stellt die eingetragene Genossenschaft eine der demokratischsten Unternehmensformen dar. Das Mitglied kann an der Meinungsbildung innerhalb der Genossenschaft partizipieren und wichtige Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Durch die mit Mitgliedern besetzten Gremien (z. B. Vorstand, Aufsichtsrat) herrscht eine hohe Identifikation zwischen den Mitgliedern und der Genossenschaft. Zudem dient das Prinzip der Genossenschaft der Arbeitsteilung. Die Mitglieder sind in erster Linie spezialisierte Traubenproduzenten, die Genossenschaft übernimmt mit Weinausbau, Abfüllung und Vertrieb die weiteren Aufgaben der Wertschöpfungskette als Spezialist wahr. Jedes Unternehmen hat hier eine eigene Ausrichtung und Zielsetzung. Trotzdem ist eine enge Verzahnung zwischen Mitgliedern und Genossenschaft sehr wertvoll.“

„Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Image von Winzergenossenschaften nicht ausschließlich positiv besetzt. Hat sich daran aus Sicht der Verbraucher tatsächlich etwas verändert?“

Stefan Kolb: „Die Frage aus Sicht des Verbrauchers muss differenziert betrachtet werden. Schaut man sich den Schwerpunkt der Weinvermarktung in Deutschland an, dann werden drei von vier Flaschen Wein im Lebensmitteleinzelhandel und im Discount vertrieben. Für den Konsumenten, der seinen Wein im Supermarktregal kauft, ist die Rechtsform des Weinerzeugers nicht relevant. Geschmack und Preis sind dort die relevanten Argumente für die Kaufentscheidung. In den letzten 15 Jahren hat der deutsche Wein einen enormen Qualitätsschub bekommen. Die Winzergenossenschaften trugen und tragen dazu einen erheblichen Anteil bei. Viele unserer Mitgliedsunternehmen sind innovative Vorreiter in verschiedenen Bereichen der Weinbranche. Da aber hinter den Unternehmen, die gerne als Mehrfamilienunternehmen bezeichnet werden, viele Köpfe und Charaktere stecken, ist die Außendarstellung oft ein wenig komplexer als bei einem Weingut. Dort steht oft eine Person für das Unternehmen in der Außenwirkung. Wenn der Verbraucher mit einer Winzergenossenschaft in Kontakt kommt, ist der Weintrinker oft positiv überrascht.“

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