Justus Georg Scheu nahm seine Arbeit genau. Er wäre überrascht zu erfahren, dass eine seiner Rebneuzüchtungen nicht – wie für viele Jahrzehnte angenommen – aus Riesling und Silvaner entstanden ist, sondern aus Riesling und der Bukettrebe. In 2016 feiert die erst später nach ihm benannte Rebsorte ihren 100. Geburtstag.

Der Rebenzüchter und Weinbauoberinspektor riet schon im Jahr 1940 dazu, Rebsorten jeweils nur an einem geeigneten Standort anzubauen, damit sie entsprechende Qualitäten erbringen. Am Beispiel der Sorte Silvaner schrieb er in einer Glosse aus dem Jahr 1940: „(…) Eines schönen Tages war nun in einer solchen Tagung die Sprache über den Sylvaner. Es wurden seine guten und schlechten Eigenschaften erläutert, seine Ansprüche, die er an den Boden und die Lage stellt u. a. m. Da wurde von berufener Seite der Antrag gestellt, man solle für die Folge den Sylvaner nicht mehr mit y, sondern mit i schreiben. Die Schreibweise mit y sei fehlerhaft. Das Wort „Sylvaner“ stamme nicht, wie vielfach angenommen würde, von Transsylvanien ab, in dieser Gegend gäbe es überhaupt keine Sylvanerreben, sondern „sehr wahrscheinlich“ stamme das Wort Sylvaner von silva = der Wald ab. Auf meinen bescheidenen Einwurf, dass in der ganzen Literatur der Sylvaner fast nur mit y und nur ganz selten mit i geschrieben würde, dass es ferner für den deutschen Weinbau ganz belanglos sei, ob man diese Rebsorte Sylvaner oder Silvaner schreibt, dass es vielmehr viel wichtiger sei, dass man die Eigenschaften dieser Sorte genau kennen und sie nicht wahllos an die verkehrtesten Orte pflanzen sollte, da wurde ich aber eines Besseren belehrt. Es sei durchaus nicht gleichgültig, ob man diese wichtige Rebsorte mit i oder y schreibt (…).“

Vielleicht waren ungünstige Standorte ein Grund, weshalb die aus seiner Züchtung stammende Scheurebe, die zwischendurch nach einem Nazi-Politiker Dr.-Wagner-Rebe benannt wurde und nach dem Krieg Sämling 88, für viele Jahre mit eher bescheidenen Ergebnissen auftrat.

Heute wird sie von zahlreichen Spitzenwinzern, die genaue Kenntnis über ihre Weinbergslagen haben, zu großartigen Weinen verarbeitet. An ihren Standort stellt sie hohe Ansprüche, die mit den Rieslinglagen vergleichbar sind. Kalkhaltige und karge Böden kommen ebenso infrage wie Löss. Sie ist frostempfindlich und daher in eher geschützten Lagen zuhause. Scheurebe gilt als typische rheinhessische Rebsorte, wird aber auch in Baden oder Franken erfolgreich angebaut. In Rheinhessen sind derzeit zirka 1.000 Hektar Rebfläche mit Scheurebe bestockt, kleinere Flächen gibt es an der Nahe und in der Pfalz.

Größere Beachtung fand die Rebe in den 1950er Jahren, als erstmals aromatische Beerenauslesen aus ihr gekeltert wurden. Man erzeugt heute hauptsächlich Kabinett- und Spätleseweine aus der Scheurebe, die mit ihrem Duft- und Aromenprofil gelegentlich mit der Sauvignon blanc-Rebe verglichen wird. Die bukettreiche Sorte zeigt Anklänge von Fruchtnoten aus Grapefruit, schwarzer Johannisbeere, reife Birne, Pfirsisch und Zitrusnoten. Scheurebe ist ein idealer Begleiter für zahlreiche Speisen mit hellem Fleisch, zu asiatischen Gerichten und in den hohen Qualitätsstufen auch zu feinen Desserts.

Ihr Züchter und Namensgeber zeichnet außerdem verantwortlich für die Neuzüchtungen Huxel, Siegerrebe, Faber, Kanzler, Würzer und Septimer. Die größte Bedeutung unter seinen Züchtungen erlangte die Scheurebe. Georg Scheu zählt heute zu den wichtigsten deutschen Rebzüchtern. Er veröffentlichte zahlreiche Beiträge über seine Forschungsergebnisse zu Rebkrankheiten und trug damit zur Verbesserung der Lage der Winzer bei. Nicht zuletzt leistete er einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung in der Rebzüchtung.

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